#1

RIMASO

Köln, Deutschland

Schlaganfall vor 3 Wochen

Hallo zusammen,

vielleicht kann mir jemand einen Rat geben. Meine Mutter hatte am 26.05. einen rechtsseitigen Schlaganfall, wie ich die Ärzte verstanden habe, war die Hauptschlagader zu und konnte durch eine Thrombektomie (Katheter durch die Leiste) wieder komplett geöffnet werden. Das ist unter Vollnarkose in einer 3-stündigen Operation gemacht worden. 

Die linke Seite war fast komplett gelähmt, was sich zum Glück relativ schnell wieder regeneriert hat, so dass meine Mutter wieder greifen und sogar alleine laufen kann. Sie ist jetzt seit 1 Woche in der Reha und was mir allerdings große Sorgen macht, ist die geistige Verwirrung und Desorientierung (die erst ein paar Tage nach der OP so richtig angefangen hat). Sie fragt mich dauernd nach ihrer Mutter und ihrer Tante, die beide schon ca. 45 Jahre tot sind. Oder sie erzählt von Personen, die sie angeblich beim Essen gesehen hat, die aber definitiv nicht da waren. Dann ist sie ab und zu auch völlig klar und fragt nach aktuellen Sachen, die sie kurz vor dem Schlaganfall erledigen wollte.

Soll man da auf die Verwirrung eingehen? Ich will ihr auch nicht alle halbe Stunde sagen, dass ihre Mutter längst tot ist.

Hat jemand Erfahrungswerte, wie lange eine solche Desorientierung dauern kann? Die Ärzte sagen natürlich, wir müssen Geduld haben und sie können nichts garantieren etc.

Schon mal vielen Dank für Eure Antworten!

Viele Grüße aus dem Rheinland

Rita

 

#2

Etcetera

Basel, Schweiz

Guten Abend Rita

Drei Wochen seit dem Schlaganfall sind eine sehr kurze Zeit. Deine Mutter wird vermutlich Monate oder Jahre brauchen, um sich zu erholen.

Bedenke, dass Deine Mutter – wie jeder Mensch – mit zunehmenden Alter abbaut. Und vielleicht nimmst Du bestimmte Dinge erst jetzt wahr.

Ich selber war über viele Monate ziemlich verwirrt, das hat bis heute Folgen. Mein SA war vor vier Jahren mit 59. Mit der Zeit kapierte ich langsam, was mit mir los war und lernte, mit meinen Defiziten umzugehen. Wenn ich Kommuniziere muss heute noch hin und wieder nachfragen, ob meine Aussagen ralistisch sind – und ich kann Widerspruch längst als positive Hilfe entgegennehmen.

So lange Deine Mutter so stark verwirrt ist, würde ich nur sehr, sehr vorsichtig widersprechen (… wenn überhaupt). Die (für Dich) wirren Gedanken und „Erinnerungen“ sind für sie absolute Realität. Deine Mutter muss ihr aus den Fugen geratenes, verbliebenes Wissen im geschädigten Hirn wieder sortieren, einordnen und verknüpfen. Das braucht viel Zeit und Ruhe, um keinen Druck (Stress) aufzubauen. Wenn sie Dir Fragen stellt, würde ich diese klar und realitätsbezogen mit einfachen Worten beantworten.

Mit Widerspruch wirst Du vermutlich auf Widerstand stossen. Widerspruch kann sehr kontraproduktiv sein und Aggressionen auslösen. Versuche Dich in Deine Mutter zu versetzen. Beispiel: Stell Dir vor, Du bist seit Wochen im Krankenhaus und fragst jemanden, wie es Deiner liebsten Freundin geht und die Antwort lautet, dass diese längst tot ist. Was würden da für Gedanken und Gefühle hochkommen?

Wenn Deine Mutter z.B. glaubt, dass sie morgen zur Schule gehen muss, dann ist das für sie Realität, ohne Wenn und Aber. Frage sie, welches Fach sie am liebsten mag und lenke das Thema in eine andere Richtung, falls nötig. Wenn Du ihr aber „dauernd“ widersprichst, wird sie wohl früher oder später negativ auf Dich reagieren. Sie kann niemals verstehen, warum Du „immer an ihr rummeckerst“ und so „wirre Dinge“ behauptest. Konkret: Sie kann „Deine Behauptung“, ihre Tante seit 45 Jahren tot, niemals verstehen, denn sie weiss genau, dass sie „kürzlich noch zusammen gesprochen haben“.

Beobachte ihre Fortschritte und Veränderungen in den nächsten Wochen und spreche Dich mit ihrem Arzt oder idealer noch, mit ihrem Neuropsychologen ab und übe Dich in Geduld, auch wenn es schwer fällt.

 

Liebe Grüsse

Christoph

#3

jup11

Quarnbek, Deutschland

#4

RIMASO

Köln, Deutschland

Vielen Dank für die Tipps! Ich werde den Rat beherzigen und die Artikel waren sehr hilfreich!

Ich habe am Donnerstag ein Gespräch mit der neurologischen Psychologin meiner Mutter, heute beginnt sie mit der neuropsychologischen REHA, mal sehen was ich da erfahre.

Viele Grüße, Rita

#5

RIMASO

Köln, Deutschland

Hallo zusammen,

 

ich melde mich nochmal mit ein paar Fragen. Meine Mutter hatte am 26.05.2018 einen Schlaganfall und ist nun seit dem 08.06. in einer neuropsychologischen Reha. Leider wird die Desorientierung (zumindest meiner Meinung nach) nicht besser. Kann das nach 5 Wochen immer noch von der Narkose sein (Durchgangssyndrom)?

Die Neurologin macht uns Hoffnung, dass es sich noch um einiges verbessern kann, die Therapeutin wiederum ist eher verhalten: "ja kann noch besser werden, aber kann auch der Status quo sein..." Ich fahre sie jeden Tag besuchen, bin aber langsam auch am Limit, da mein Vater auch 83 ist und ich alles regeln muss, zudem noch einen fast Vollzeitjob und ein kleines Kind (2) das mich halt auch braucht. (Kommentar von meinem Vater: Du bist stark Du schaffst das schon...)

Hat jemand Tipps, wie man sowas "unter einen Hut bekommt"? Ich habe einfach ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Mutter mal einen Tag nicht besuche. So ne REHA Klinik ist schon trostlos... Zumal sie auf Grund der Desorientierung in der geschlossenen Station ist.

Danke schon mal vorab!

Viele Grüße

Rita

 

#6

Gisa52

41068 Mönchengladbach, Deutschland

Liebe Rita,

es ist verdammt schwer, das alles unter einen Hut zu bekommen. Vielleicht solltest Du die Besuche bei Deiner auf  jeden zweiten Tag beschränken. Ich kann Dich gut verstehen, aber Du musst auch an Dich und Dein Kind denken.... Bist Du die Einzige, die Deine Mutter besucht? Vielleicht gibt es ja auch Verwandte oder Freunde, mit denen Du Dich abwechseln kannst. Es nützt ja nichts, wenn Du selbst da liegst, weil Dir einfach alles zu viel wird - was sehr verständlich ist.

Ich wünsche Euch jedenfalls alles Gute, vor allem Deiner Mutter auf dem Wege der Genesung und Dir viel Kraft und Geduld - aber ein schlechtes Gewissen brauchst du wirklich nicht zu haben, wenn es mit den Besuchen nicht jeden Tag klappt.

Viele Grüße

Gisela

 

 

#7

Manuelchen

Frankenthal, Deutschland

Hallo,

meine Mutter hatte vor ca. einem Jahr "nur" einen leichten Schlaganfall und war danach trotzdem sehr stark verwirrt und desorientiert. Es ist mir sehr schwer gefallen, damit umzugehen. Glücklicherweise hat es sich inzwischen tatsächlich gebessert. Aber es ist ein seeeeehr langer Weg. Man muss viel Geduld haben und sich auch mit der Situation arrangieren. So haben wir auch angefangen, viele wichtige Dinge gut verständlich aufzuschreiben. 

Ich kann Dir aber aus eigener Erfahrung und weil ich inzwischen auch einige Vorträge zum Thema Pflege besucht habe, nur dringend raten, pass gut auf Dich auf. Aus dem Umfeld wird oft erwartet, dass man als nächster Angehöriger sich aufopfert und keiner sieht, wie Du auf dem Zahnfleisch gehst. Darauf darfst Du nicht hören. Höre in Dich hinein. Jetzt ist Deine Mutter in der REHA, da wird sie doch gut versorgt. Ich habe meine Mama nur an den Wochenenden besucht und es war ok für uns beide. Du musst auch an die Zeit danach denken. Dann wirst Du doch auch gebraucht. Versuche gut mit Deinen Kräften zu haushalten und schau, dass es für Dich und Deine Mama gut ist.   

401 Aufrufe | 7 Beiträge