#1

Pokepike

Mainz, Deutschland

Hallo liebe Angehörigen und Betroffenen,

ich suche nach Informationen, Meinungen und Ratschlägen. Gerne auch persönliche Erfahrungen.
Wir (Sohn 25. Jahre und eine Freundin) haben meine Mutter gestern mit Schlaganfall in ihrer Wohnung gefunden. Dort war sie wohl auch schon ca 40 Std. Dementsprechend schlecht sieht es auch aus.
Das Positive vorweg: Meine Mutter nimmt ihr Umfeld noch war, kann auch Gespräche verstehen und zeigt auch Reaktionen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Ein Lächeln da, ein angedeutes Lachen, Freude wenn sie Freunde sieht.

Probleme hat sie mit: Teilweise Lähmungen, Sprechen an sich (nicht vorhanden), starke Benommenheit und sehr viel Schlaf ca 95% des Tages und weitere Symptome die ich nicht beschreiben kann, oder den Fachausdruck nicht kenne.

Nun ich habe keine Ahnung von dem ganzen Thema und der Schlaganfall kam aus dem Nichts. Sie ist die Tage vorher noch fröhlich Fahrrad gefahren, raucht nicht, trinkt nicht und so weiter...

Das medizinische Vorgehen überlasse ich dem Krankenhaus. Und soweit ich weiß, kann ich aktuell eh nichts machen außer warten und schauen wie und in welchem Maße sie sich erholt. Mir wurde mitgeteilt: Der Standardablauf ist wohl 3 bis 7 Tage in der Stroke Unit. Dann wird sie für ca 2 Wochen in einen Überwachungsbereich verlegt. Und anschließend fängt die 4 Wochen Reha an.

Es liegt keine Patientenverfügung oder vergleichbares vor.

Aktuell rechne ich damit, dass es so bleibt. Die Ärzte wollen keine Hoffnung schüren. Ich rechne erstmal damit und wenns besser wird freu ich mich sehr.

Nun muss ich erst mal Emotional klar kommen.
Aber was kommt noch auf mich zu?

  1. Gibt es banale Themen die ich vergessen könnte? (z.B. Wohnung aufräumen und alles Verderbliche entsorgen.)
  2. Darf ich mich um ihre Angelegenheiten kümmern. Wenn nein, wer darf bzw was muss ich tun damit ich darf.
  3. Wie bereite ich mich auf schwere Entscheidungen vor? Gibt es Beratungsstellen bzw persönliche Ansprechpartner?
  4. Wie sieht es mit dem Finanziellen aus? Meine Mutter war selbstständig. Und hat laufende Kosten. Darf ich mich (rechtlich) einmischen?
  5. Wen darf und wen sollte ich alles informieren?
  6. Was kann ich tun damit sie sich wohler fühlt, was hatte/hättet ihr gebraucht oder gewollt?

Wie gesagt es gibt keine Patientenverfügung. Sie war 64 und war fitt wie eine 49 jährige. Wir haben uns über so einen Umstand nie unterhalten.

Liebe Grüße
Fabian

PS: Wenn ich weitere Informationen habe trage ich sie gerne nach.

#2

tron33

Berlin, Deutschland


  1. Gibt es banale Themen die ich vergessen könnte? (z.B. Wohnung aufräumen und alles Verderbliche entsorgen.)
  2. Darf ich mich um ihre Angelegenheiten kümmern. Wenn nein, wer darf bzw was muss ich tun damit ich darf.
  3. Wie bereite ich mich auf schwere Entscheidungen vor? Gibt es Beratungsstellen bzw persönliche Ansprechpartner?
  4. Wie sieht es mit dem Finanziellen aus? Meine Mutter war selbstständig. Und hat laufende Kosten. Darf ich mich (rechtlich) einmischen?
  5. Wen darf und wen sollte ich alles informieren?
  6. Was kann ich tun damit sie sich wohler fühlt, was hatte/hättet ihr gebraucht oder gewollt?

 

Hallo, ich habe gerade nicht viel Zeit, will aber kurz mal die wichtigsten Sachen beantworten, vielleicht ergänzt ja noch jemand:

Zu 1. ja, das auf jeden Fall, Blumen gießen, Müll einmal leeren, schauen, ob irgendwo in den Schränken noch was liegt, das weg muss.
Ansonsten schauen, was sie vielleicht zukünftig in der Reha braucht. Also bequeme Sachen, Handtücher und sowas alles. Dazu könnt ihr auch jetzt schon die Pflegekräfte nebenbei fragen, dann ist das später nicht so überstürzt, falls ihr noch was besorgen müssen. Alles, wenn möglich, in mehrfacher Ausführung: 1 Satz ist da, 1 Satz wird gewaschen, 1 Satz liegt bei euch feritg gewaschen zum austausch.

Zu 2. Du kannst / solltest dich vom Amtsgericht als Betreuer einsetzen lassen. Das kannst du mit den behandelnden Ärzten / Sozialdienst besrpechen, die wissen normalerweise, was da zu tun ist und leiten das in die Wege. Dann kommt ein Richter vom Amtsgericht, überzeugt sich von der Situation, befragt deine Mutti, soweit dies möglich ist und beschließt dann die Betreuung. Du kannst aber auch selbst mit dem Amtsgericht Kontakt aufnehmen dazu.
Im Rahmen der Betreuung bekommst du dann verschiedene "Aufgabenkreise" übertragen, zum Beispiel "Gesundheitssorge", "Vermögenssorge" und so weiter, so dass du z.B. bei Operationen im Sinne deiner Mutti entscheiden kannst oder die finanziellen Dinge regeln. Das wird dir dort alles nochmal genau erklärt.

Zu 3. Nur durch Information. Lies jeweils soviel über die Dinge, dass du dir darüber voll im klaren bist. Ansonsten sind natürlich immer die Ärzte dafür zuständig, dich bei anstehenden Entscheidungen zur Gesundheit deiner Mutti voll aufzuklären.
Im Krankenhaus gibt es vielleicht Seelsorger, an die du dich wenden kannst oder vielleicht auch einen psycholiogischen Dienst.

Zu 4. Siehe 2. Wenn du Betreuer bist und das dein Aufgabenkreis ist, kannst du alles entscheiden. Bis dahin kannst du dir sicher aber schon einen Überblick verschaffen und schauen ob irgendwas anbrennt. Diese Stellen könntest du dann schriftlich informieren und ggf. um Zahlungsaufschub bitten bis die Dinge geregelt sind.

Zu 5. Arbeitgeber, falls vorhanden auf jeden Fall.
Ansonsten den Hausarzt.

Zu 6. Zuversicht ausstrahlen ist ganz wichtig, Mut machen.
Auch zeigen, dass du die Sachen im Griff hast, dich um alles kümmerst und es eine Leichtigkeit für dich ist, das alles gerne zu tun. Was man nicht hören will ist, wie stressig das ist, wie lange die Fahrt gedauert hat und dass man so schon keine Zeit hatte und "jetzt das noch" und alles sowas. Auch will man nicht, dass die Angehörigen wie ein trauriger Schluck Wasser durch die Tür kommen.
Ich hab mir damals angewöhnt, zu lächeln, sobald ich ins Krankenhaus komme. Das war anfangs komisch, vor allem weil man bis zum Zimmer viele Lächeln zurück bekommt, aber wenn man dann ins Zimmer kommt, fühlt man sich auch entsprechend gut.

Wenn du spezielle Fragen hast, immer schreiben.

LG



#3

Pokepike

Mainz, Deutschland


Hallo, ich habe gerade nicht viel Zeit, will aber kurz mal die wichtigsten Sachen beantworten, vielleicht ergänzt ja noch jemand:

Zu 1. ja, das auf jeden Fall, Blumen gießen, Müll einmal leeren, schauen, ob irgendwo in den Schränken noch was liegt, das weg muss.
Ansonsten schauen, was sie vielleicht zukünftig in der Reha braucht. Also bequeme Sachen, Handtücher und sowas alles. Dazu könnt ihr auch jetzt schon die Pflegekräfte nebenbei fragen, dann ist das später nicht so überstürzt, falls ihr noch was besorgen müssen. Alles, wenn möglich, in mehrfacher Ausführung: 1 Satz ist da, 1 Satz wird gewaschen, 1 Satz liegt bei euch feritg gewaschen zum austausch.

Zu 2. Du kannst / solltest dich vom Amtsgericht als Betreuer einsetzen lassen. Das kannst du mit den behandelnden Ärzten / Sozialdienst besrpechen, die wissen normalerweise, was da zu tun ist und leiten das in die Wege. Dann kommt ein Richter vom Amtsgericht, überzeugt sich von der Situation, befragt deine Mutti, soweit dies möglich ist und beschließt dann die Betreuung. Du kannst aber auch selbst mit dem Amtsgericht Kontakt aufnehmen dazu.
Im Rahmen der Betreuung bekommst du dann verschiedene "Aufgabenkreise" übertragen, zum Beispiel "Gesundheitssorge", "Vermögenssorge" und so weiter, so dass du z.B. bei Operationen im Sinne deiner Mutti entscheiden kannst oder die finanziellen Dinge regeln. Das wird dir dort alles nochmal genau erklärt.

Zu 3. Nur durch Information. Lies jeweils soviel über die Dinge, dass du dir darüber voll im klaren bist. Ansonsten sind natürlich immer die Ärzte dafür zuständig, dich bei anstehenden Entscheidungen zur Gesundheit deiner Mutti voll aufzuklären.
Im Krankenhaus gibt es vielleicht Seelsorger, an die du dich wenden kannst oder vielleicht auch einen psycholiogischen Dienst.

Zu 4. Siehe 2. Wenn du Betreuer bist und das dein Aufgabenkreis ist, kannst du alles entscheiden. Bis dahin kannst du dir sicher aber schon einen Überblick verschaffen und schauen ob irgendwas anbrennt. Diese Stellen könntest du dann schriftlich informieren und ggf. um Zahlungsaufschub bitten bis die Dinge geregelt sind.

Zu 5. Arbeitgeber, falls vorhanden auf jeden Fall.
Ansonsten den Hausarzt.

Zu 6. Zuversicht ausstrahlen ist ganz wichtig, Mut machen.
Auch zeigen, dass du die Sachen im Griff hast, dich um alles kümmerst und es eine Leichtigkeit für dich ist, das alles gerne zu tun. Was man nicht hören will ist, wie stressig das ist, wie lange die Fahrt gedauert hat und dass man so schon keine Zeit hatte und "jetzt das noch" und alles sowas. Auch will man nicht, dass die Angehörigen wie ein trauriger Schluck Wasser durch die Tür kommen.
Ich hab mir damals angewöhnt, zu lächeln, sobald ich ins Krankenhaus komme. Das war anfangs komisch, vor allem weil man bis zum Zimmer viele Lächeln zurück bekommt, aber wenn man dann ins Zimmer kommt, fühlt man sich auch entsprechend gut.

Wenn du spezielle Fragen hast, immer schreiben.

LG



 
Hey Tron,
schon mal ganz großen Dank für die Antwort.
Deine Punkte helfen mir sehr.
Kleidung für die Reha klingt gut und danke für die Faustformel mit Klamotten. Ich werde Zuhause nachschauen und ansonsten die Sachen besorgen.

Die Betreuerthematik wurde heute in die Wege geleitet. Und ich besuche morgen das Gericht.

Ich bin schon fleißig am Lesen. Solangsam bekomme ich ein Bild von der Problematik und was auch uns zukommen wird.

Und noch mal vielen Dank für den 6. Punkt. Die Antwort tut sehr gut. Ich bin ein sehr positiver Mensch, dann werde ich das weiter ausstrahlen.

#4

jup11

Quarnbek, Deutschland

Hallo Fabian,

viele Informationen findest du hier:


https://www.fragile.ch/broschueren-hirnverletzung/

https://news.rub.de/wissenschaft/2018-08-24-neurowissenschaft-wie-sich-das-gehirn-nach-einem-schlaganfall-repariert

https://www.ratgeber-neuropsychologie.de/

https://www.schlaganfall-hilfe.de/fileadmin/files/user_upload/Schlaganfall_Informationen_fu__r_Betroffene_und_Interessierte.pdf

https://www.kompetenznetz-schlaganfall.de/292.0.html

Jürgen

https://www.schlaganfall-info.de/com/Drei_Jahre_danach.pdf

 

#5

Manuela Liebig

Himmberg, Österreich

Wenn jemand eine schweren Schlaganfall erleidet ist dass für die Angehörigen immer eine große Bürde. Aber damit muss man umgehen lernen. Vor allem das das den Alltag total auf den Kopf stellt. 

#6

Pokepike

Mainz, Deutschland

Hallo,

erst mal vielen herzlichen Dank für die ganzen Antworten. Ich hab viel gelesen und konnte dank euren Ratschlägen mit der Situation besser umgehen.
Es ist nun 12 Tage her seit dem meine Mutter eingliefert wurde und sie hat sich sehr gut stabilisiert. Der Schlaganfall war wie Anfangs schon beschrieben sehr heftig und es waren/sind wohl 3 Bereiche betroffen.
Sie hat nun, nachdem sich ihr Gehirn beruhigt hat bleibende Sprachprobleme und eine halbseitige Lähmung. Aber sie ist sehr sehr lernwillig. Sowohl beim Sprechen als auch bei der Bewegung. Sie bekommt mitlerweile leichte Bewegungen im rechten Bein wieder hin und kann einzelne Wörter sagen. Die Phase B Reha fängt Mittwoch an. Ich werde gespannt sein, wie die Fortschritte dann sein werden.

Ihre Therapeuten haben in Aussicht gestellt, dass sie evtl in 2 bis 3 Jahren wieder selbstständig mit Rollator laufen und eigene Sätze sprechen kann um sich mitzuteilen.

Sie wird wohl eine dauerhafte Pflege benötigen, aber ich bin super glücklich, wenn ich meiner Mutter emöglichen kann ihre weiteren Jahre zu genießen und Spaß zu spüren.

Ich möchte auch noch mal Jürgen danken für seine Links und den Erfahrungsbericht. Ich habe ihn vollständig gelesen!

Liebe Grüße

Fabian

#7

konstantin

München, Deutschland

Lieber Fabian,

ich bin auf diesen Austausch aufmerksam geworden weil meiner Mutter das selbe passiert ist und wir beide im ca im selben Alter (ich bin 28) sind. Ich würde mich auf alle fälle sehr gerne mit dir austauschen!!! 

Liebe Grüße 

Konstantin

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